Nafex GmbH: Die Reifeprüfung

Die Reifeprüfung

Es ist paradox: Deutsche Firmen suchen händeringend Fachkräfte – aber wer älter ist als 50, hat selbst bei besten Qualifikationen kaum Chancen
auf eine Stelle. Dabei profitieren Unternehmen von erfahrenen Mitarbeitern enorm. Ein Industriebetrieb aus Wiesmoor macht es vor.

Ein Typ wie der bärtige Ostfriese Johann Carls ist der neue Standard: Mitte 50, Fachkraft in einem deutschen Unternehmen. So sieht der Normalverdiener aus, wenn die Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge um 1960, bald unter den Beschäftigten dominieren. Die Zahl der Erwerbstätigen über 55 Jahren ist allein zwischen 2005 und 2009 um mehr als eine Million gestiegen. Bis Mitte der 2020er Jahre wird ihre Zahl weiter zunehmen. Zugleich rechnet das Statistische Bundesamt zwischen 2010 und 2025 mit sechs Millionen Menschen weniger im erwerbsfähigen Alter. Die Belegschaften werden kleiner und älter. Gerade für personalintensive Betriebe wie im Handwerk heißt das: Wer sich nicht um ältere Fachkräfte bemüht, hat künftig ein Problem. Über das Steuerpult eines sogenannten Extruders, einer meterlangen Maschine, lässt Carls recyceltes Kunststoffgranulat und Additive in das eine Ende klickern. Das Gemisch wird bei hohem Druck erhitzt, verschmolzen und von Förderschnecken weitergeführt. Was am anderen Ende herauskriecht, ist schwarzbraun wie eine überdimensionierte Lakritzstange. In Stücke geschnitten, wird daraus eine geräuschdämmende und umweltfreundliche Bahnschwelle.
Dass Carls seit zwei Jahren in einem Gewerbegebiet in Wiesmoor an dieser Spezialmaschine der Firma Naftex steht, ist alles andere als selbstverständlich. Er war drei Jahre arbeitslos, hat zig Bewerbungen geschrieben. Seinen vorigen Job verlor der 54-Jährige wegen eines Konkurses. Kurz, er war damit einer dieser älteren Langzeitarbeitslosen, die in strukturschwachen Regionen von einer Fördermaßnahme zur nächsten gereicht werden. Warum er so lange keine Stelle gefunden hat? Carls antwortet schnell: „Wegen
des Alters.“ Trotz aller Demografie-Initiativen, trotz millionenschwerer Fachkräftekampagnen – nach wie vor gibt es Vorbehalte gegenüber älteren Arbeitnehmern, beobachtet Martina Fricke, Geschäftsführerin des Bundesverbands Initiative 50Plus im Gebiet Oldenburg- Bremen: „Die Jüngeren werden noch immer bevorzugt.“ Altersgerechte Arbeitsplätze seien längst keine Selbstverständlichkeit, bei Fortbildungen blieben Ältere oft außen vor. Dabei seien sie besonders motiviert, sozial kompetent und mit ihrer Erfahrung und geballtem Wissen für die Betriebe eigentlich unverzichtbar. So wie bei der Naftex GmbH, die schon heute eine Altersstruktur hat, wie sie in zehn Jahren in vielen Betrieben normal sein wird, wenn es wie prognostiziert 13 Millionen Erwerbstätige über 55 Jahren gibt. Bei dem 2006 gegründeten Familienbetrieb sind von zehn Mitarbeitern drei um die 20 Jahre, die meisten Anfang bis Mitte 50. „Das Alter spielt bei uns keine Rolle“, sagt Kristin Koopmann, die für Personal- und Projektmanagement zuständig ist. „Uns ist wichtig, dass die Mitarbeiter eine gute technische Grundkompetenz und die richtige Einstellung zur Arbeit haben.“ Bei Naftex werden neben Bahnschwellen
Granulate und Profile aus Naturfaserkunststoffen hergestellt. Die Maschinen laufen im Dreischichtbetrieb an sieben Tagen in der Woche. „Da brauchen wir Verlässlichkeit“, betont Koopmann. Von ihrer Zeit
bei Ikea hat die 24-Jährige die Devise mitgenommen: „Wichtig ist nur, ob du ins Team passt, egal wie alt du bist.“ Weitergebildet werden alle Mitarbeiter bei Naftex. Da es kaum Qualifizierte für die Extruder
gebe, müssten Neue ohnehin eingearbeitet werden, ob Maschinenbauer oder ausgebildete Tischler wie Carls. Der 54-Jährige sagt: „Das war alles Neuland für mich, ich hab hier viel dazugelernt.“ Aber auch die
Jüngeren profitieren, erzählt Koopmann: „Als ein jüngerer Mitarbeiter vor der Schweißerprüfung stand, hat sich einer unserer Oldies zwei Wochen mit ihm zum Üben an die Werkbank gestellt.“ Die Schichten werden bei Naftex so eingeteilt, dass Ältere mit Jüngeren zusammenarbeiten. „So gleichen wir die Erfahrungswerte aus“, sagt Koopmann. Jüngere seien etwa im Elektrobereich besser ausgebildet, die Älteren profitieren dagegen von ihrer praktischen Erfahrung im Umgang mit den Maschinen, die für wechselnde Produkte und Materialmischungen immer wieder neu zu justieren sind. In anderen Ländern läuft es besser Noch immer ist die These verbreitet, dass alte Belegschaften weniger produktiv und leistungsfähig seien. Wissenschaftlich haltbar ist das laut dem Demografiebericht der Bundesregierung
nicht. Vielmehr weisen ältere und jüngere Beschäftigte unterschiedliche Stärken und Schwächen auf. Nicht nur physische und kognitive Leistungen sind entscheidend, sondern auch Erfahrung und Sozialkompetenz.
Arbeiten jüngere und ältere Beschäftigte in Tandems zusammen, glaubt Martina Fricke von der Initiative 50Plus, könnten Arbeitgeber das Know-how der Älteren im Betrieb halten. Zugleich müsse mehr in die Gesundheit investiert werden, um zum Beispiel den verbreiteten Rückenleiden vorzubeugen. Damit den Unternehmen nicht die qualifizierten Mitarbeiter ausgehen, nimmt die von Bundesministerien und der Arbeitsagentur lancierte Fachkräfte-Offensive neben Migranten und Frauen vor allem Ältere in den Blick: Würden diese in Deutschland ähnlich gut in den Arbeitsmarkt integriert wie anderswo in Europa, könnten bis zu eine Million Erwerbstätige gewonnen werden. Was möglich ist, zeigt der Demografiebericht, demzufolge sich die Erwerbsbeteiligung bei den 60- bis 64-Jährigen in den zehn
Jahren seit 2000 verdoppelt hat. Für eine kleine Delle bei der Zahl der Fachkräfte dürfte dagegen die Rente mit 63 sorgen. Seit Mitte des Vorjahres können gesetzlich Versicherte mit mindestens 45 Beitragsjahren ab dem 63. Lebensjahr ihre Rente ohne Abschläge bekommen. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung wurden bis Ende Mai 2015 rund 320 000 Anträge gestellt. Wenn ältere Arbeitnehmer nach wie vor nur schwer einen Job finden – gibt es den Fachkräftemangel überhaupt? Im Norden der Republik ist die Situation entspannter als im Süden. Dass ein Betrieb wie Naftex keine
Probleme bei der Rekrutierung hat, deckt sich mit der Situation bei Maschinenbauund Betriebstechnik, wo in Niedersachsen 298 Arbeitssuchende auf 206 Stellen entfallen. In vielen Branchen fehlen aber bereits
Bewerber: Für Mechatronik und Automatisierungstechnik stehen bei den Arbeitsagenturen in Niedersachsen 258 Arbeitslosen 499 offene Stellen gegenüber. Im Bereich Informatik entfallen 185 Arbeitssuchende auf 226 Stellen, in der Altenpflege sind es aktuell 387 Arbeitslose und 1138 Stellen. Schon jetzt müssen sich manche Arbeitgeber um qualifizierte und leistungsbereite Arbeitskräfte bemühen. In einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft wird der Faktor Arbeit immer entscheidender für die Wachstumschancen. Wenn bei Naftex demnächst eine zweite Produktionslinie für Bahnschwellen kommt, stehen wohl Bewerbungsgespräche an. Auch bei den neuen Mitarbeitern, versichert Koopmann, wird sie wieder auf die Kompetenz und nicht aufs Alter schauen.

Quelle:

NWZ, die Wirtschaft, Ausgabe 12, September 2015

Artikel die Wirtschaft

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